Kurz gesagt

Klaviyo berechnet je Profil einen voraussichtlichen nächsten Kaufzeitpunkt, einen prognostizierten Kundenwert und ein Abwanderungsrisiko. Die Funktion schaltet sich erst frei, wenn du rund 500 Kunden mit Bestellung, mindestens 180 Tage Bestellhistorie und Bestellungen aus den letzten 30 Tagen hast. Entscheidend ist aber eine zweite Hürde: Eine belastbare Vorhersage für einen einzelnen Kunden braucht drei oder mehr Bestellungen von diesem Kunden - und die haben über sieben von uns ausgewertete Shops nur 7,0 % der Erstkäufer. Die Vorhersage ist also dort am stärksten, wo du sie am wenigsten brauchst. Als Segment-Zutat innerhalb eines sauberen Master-Segments ist sie nützlich; als Fundament für Flows taugt sie nicht.

Es gibt in Klaviyo einen Bereich, der in jeder Agentur-Demo gut aussieht: Vorhersagen je Kunde. Wann kauft er wieder, wie viel wird er in den nächsten zwölf Monaten ausgeben, wie hoch ist das Risiko, dass er abspringt. Das wirkt nach Zukunft, und es ist verlockend, darauf etwas zu bauen.

Wir benutzen diese Werte. Aber als Beigabe, nicht als Fundament - und der Grund dafür steht in unseren eigenen Zahlen.

Was Klaviyo vorhersagt

Vier Werte, die an jedem Profil hängen, sobald die Funktion aktiv ist:

  • Voraussichtliches Datum der nächsten Bestellung. Der nützlichste Wert, weil sich daraus Timing ableiten lässt.
  • Prognostizierter Kundenwert. Was dieser Kunde in den nächsten zwölf Monaten voraussichtlich ausgibt. Daneben stehen der bisherige Wert und die Summe aus beidem.
  • Abwanderungsrisiko. Leitet sich im Wesentlichen aus dem erwarteten Kaufdatum ab: Wer die erwartete Zeit deutlich überschreitet, gilt als gefährdet.
  • Vermutetes Geschlecht, geschätzt aus dem Vornamen. Kein Vorhersagemodell im engeren Sinn, aber im selben Bereich.

Die Schwelle, an der die meisten scheitern

Die Funktion schaltet sich nicht automatisch frei. Klaviyo nennt als Voraussetzung: rund 500 Kunden, die tatsächlich bestellt haben - nicht 500 Profile, sondern 500 Besteller -, mindestens 180 Tage Bestellhistorie im Account, Bestellungen aus den letzten 30 Tagen, und ein Teil der Kunden muss drei oder mehr Bestellungen haben.

Für einen Shop mit 25.000 € Monatsumsatz und einem Warenkorb von 60 € sind 500 Besteller etwa drei Monate Arbeit - das ist zu schaffen. Die 180 Tage Historie im Account sind die härtere Hürde, wenn Klaviyo gerade erst angebunden wurde: Der Import bringt zwar Bestellungen mit, aber die Uhr für die Vorhersage läuft erst ab einem sauberen Datenstand.

Der Punkt, den kaum jemand nennt

Jetzt wird es interessant. Eine Vorhersage für einen einzelnen Kunden braucht genug Verhalten dieses Kunden - Klaviyo nennt drei oder mehr Bestellungen. Wer weniger hat, bekommt bestenfalls eine grobe Einordnung aus dem Durchschnitt aller anderen.

Und jetzt die Zahl aus unseren eigenen Auswertungen: Über sieben von uns betreute Shops mit zusammen 469.368 Erstkäufern kaufen im Median 24,1 % ein zweites Mal binnen zwölf Monaten und 7,0 % ein drittes Mal.

Das heißt: Für rund 93 % deiner Kunden gibt es keine individuelle Vorhersage, die diesen Namen verdient. Die Funktion ist genau dort stark, wo du sie am wenigsten brauchst - bei den Stammkunden, die ohnehin wiederkommen. Und sie schweigt dort, wo das Geld liegt: bei den drei von vier Erstkäufern, die nie wieder bestellen.

Das ist kein Vorwurf an Klaviyo. Eine Vorhersage aus einem einzigen Datenpunkt wäre unseriös, und es ist richtig, dass das Modell dort zurückhaltend ist. Aber es verschiebt, wofür man die Werte benutzen kann.

Was die Zahlen zusätzlich verzerrt

Bevor du dich auf eine Vorhersage verlässt, prüf, was überhaupt in deinen Bestelldaten steckt:

Gastbestellungen unter wechselnden Adressen erzeugen aus einem Menschen mehrere Kunden. Jeder davon hat genau eine Bestellung - also keine Vorhersage. In Shops mit viel Gast-Checkout verschiebt das die Verteilung spürbar.

Abo-Verlängerungen sehen aus wie Käufe. Ein Kunde mit einem Monatsabo hat nach einem Jahr zwölf Bestellungen in einem exakten Takt. Die Vorhersage für ihn ist hervorragend und völlig wertlos, weil sie nur den Abo-Rhythmus nachzeichnet.

Kassenverkäufe im Laden und zweite Verkaufskanäle landen je nach Anbindung in derselben Metrik. Dann prognostiziert Klaviyo ein Kaufverhalten, das mit deinem Shop wenig zu tun hat.

Importierte Profile ohne Bestellhistorie zählen nicht als Besteller - das überrascht Shops, die gerade migriert haben und sich über die fehlende Freischaltung wundern. Was beim Anschluss sonst noch schiefgeht, steht im Beitrag zu Klaviyo mit Shopify verbinden.

Wofür wir die Werte trotzdem benutzen

Drei Anwendungen, in dieser Reihenfolge - und immer innerhalb eines sauberen Master-Segments, nie als eigenständige Zielgruppe:

1. Vermutetes Geschlecht für inhaltliche Abzweigungen. Bei Sortimenten mit klarer Trennung die wirkungsvollste der vier Angaben, weil sie den Inhalt verändert und nicht nur die Auswahl. Wichtig: als Abzweigung im Flow, nicht als Ausschluss - eine falsche Schätzung darf niemanden aus dem Versand werfen.

2. Prognostizierter Kundenwert oder Bestellwert über einem Schwellenwert für hochwertige Angebote: Vorab-Zugang, persönliche Ansprache, Produkte in einer anderen Preisklasse. Hier ist die Ungenauigkeit verkraftbar, weil die Folge eines Fehlers klein ist - jemand bekommt ein Angebot, das nicht ganz passt.

3. Abwanderungsrisiko als Zutat für die Reaktivierung, nicht als Auslöser. Dazu gleich mehr.

Welche Schwellen in welchem Shop sinnvoll sind, hängt an Sortiment und Deckungsbeitrag und steht bei uns je Kunde fest - das ist der Teil, den man nicht aus einem Beitrag abschreiben kann.

Vorhersage je Profil oder Median aus den Bestelldaten?

Das ist die praktisch wichtigste Frage, und die Antwort ist unbequem: Für das Timing deines Winback-Flows ist der Median aus deinen Bestelldaten meistens die bessere Grundlage.

Der Grund folgt aus dem Abschnitt weiter oben. Der Winback zielt auf Kunden mit einer oder zwei Bestellungen - also genau auf die Gruppe ohne belastbare individuelle Vorhersage. Eine Zahl, die aus dem Durchschnitt aller anderen abgeleitet ist, ist nichts anderes als ein Median, nur schlechter nachvollziehbar.

Rechne stattdessen den typischen Abstand zwischen erstem und zweitem Kauf selbst aus. Über unsere sieben Shops liegt er im Median bei 65 Tagen, mit einer Spanne von 38 bis 121 Tagen - je nach Sortiment also sehr unterschiedlich. Wie das geht und warum 90 Tage fast immer die falsche Voreinstellung sind, steht im Beitrag zum Winback-Zeitfenster.

Umgekehrt gilt: Bei einem Stammkunden mit sechs Bestellungen ist die individuelle Vorhersage besser als jeder Median, weil sie seinen eigenen Takt kennt. Für die VIP-Strecke ist sie damit die richtige Grundlage - für den Winback nicht.

Was wir damit nicht machen

Keinen Flow bauen, der nur funktioniert, wenn die Vorhersage stimmt. Wenn ein Flow ausschließlich auf dem erwarteten Kaufdatum auslöst, hängt deine Reaktivierung an einem Modell, dessen Annahmen du nicht siehst. Fällt die Datenqualität, fällt der Flow still aus - und das merkst du erst an den Zahlen.

Den prognostizierten Kundenwert nicht als Erfolgskennzahl berichten. Er ist eine Schätzung über zwölf Monate, und er steigt auch, wenn du mit Rabatten Umsatz vorziehst. Was tatsächlich passiert ist, steht in den Bestelldaten.

Das vermutete Geschlecht nie als Ausschlusskriterium. Die Schätzung aus dem Vornamen liegt bei Namen, die in mehreren Sprachräumen vorkommen, regelmäßig daneben. Als Abzweigung im Inhalt ist das verschmerzbar, als Filter wäre es ein Fehler.

Die ehrliche Zusammenfassung

Predictive Analytics ist die Kür. Wenn in deinem Account die Einwilligungs-Filter fehlen, die Ausschlusslisten nicht stehen oder die Willkommensstrecke doppelt läuft, bringt dir die beste Vorhersage nichts - dann arbeitest du an der Spitze eines Fundaments, das nicht trägt. Was zuerst dran ist, prüft der Setup-Score in ein paar Minuten.

Steht das Fundament, ist die Vorhersage eine gute Zutat für zwei, drei Segmente. Mehr aber auch nicht - und wer sie dir als Herzstück einer Strategie verkauft, hat entweder die Schwellen nicht gelesen oder hofft, dass du es nicht tust.

Häufige Fragen dazu

Warum sehe ich in meinem Account keine Vorhersagewerte?

Wahrscheinlich ist eine der Voraussetzungen nicht erfüllt: 500 Kunden mit mindestens einer Bestellung, 180 Tage Bestellhistorie, Bestellungen in den letzten 30 Tagen, und ein Teil der Kunden mit drei oder mehr Bestellungen. Der häufigste Stolperstein nach einer Migration ist die Historie: Importierte Profile ohne Bestellungen zählen nicht mit, auch wenn die Profilzahl hoch aussieht.

Ist der prognostizierte Kundenwert dasselbe wie CLV?

Nicht ganz. Klaviyo zeigt drei Werte: den bisherigen Umsatz dieses Kunden, die Prognose für die nächsten zwölf Monate und die Summe daraus. Wer "CLV" sagt, meint oft die Summe - in Auswertungen gehört deshalb immer dazu, welcher der drei Werte gemeint ist, sonst vergleicht man Äpfel mit Birnen.

Kann ich das erwartete Kaufdatum als Flow-Auslöser verwenden?

Technisch ja. Wir raten davon ab, solange der Flow die Hauptlast der Reaktivierung trägt - weil die Vorhersage für Kunden mit ein oder zwei Bestellungen keine echte ist. Als zusätzliche Abzweigung innerhalb eines Flows, dessen Auslöser auf eigenen Daten beruht, ist sie dagegen sinnvoll.

Lohnt sich das für einen Shop mit 2.000 Kontakten?

Meistens nicht. Bei dieser Größe sind die 500 Besteller oft noch nicht erreicht, und selbst wenn: Die Gruppe mit drei oder mehr Bestellungen ist dann so klein, dass sich daraus keine Segmente in sinnvoller Größe bilden lassen. Die Zeit ist besser in Zustellbarkeit und die Strecke nach dem ersten Kauf investiert.

Verbessert sich die Vorhersage mit der Zeit?

Ja, in zwei Richtungen: Mit mehr Bestellhistorie wird das Modell für vorhandene Kunden genauer, und mit jedem Kunden, der eine dritte Bestellung macht, wächst die Gruppe mit individueller Vorhersage. Das ist ein weiterer Grund, zuerst an der Wiederkaufrate zu arbeiten - sie verbessert nicht nur den Umsatz, sondern auch die Datenlage. Wie sich die Strecken nach Kaufanzahl trennen lassen, steht im Beitrag zu Erst-, Zweit- und Drittkäufern.

Julian Reinhard
Julian ReinhardGründer retentionclub, Klaviyo-Partner

Ich baue seit über 5 Jahren Klaviyo-Systeme für Shopify-Brands - über 25 Shops, von der ersten Welcome-Mail bis zum Black-Friday-Presale. Hier schreibe ich auf, was in der Praxis funktioniert.