Kurz gesagt

Ein Post-Purchase-Flow für alle behandelt den Stammkunden wie einen Fremden. Sauber sind drei Strecken nach Kaufanzahl: Erstkäufer brauchen Vertrauen und einen Grund für den zweiten Kauf, Zweitkäufer Anerkennung und ein sichtbares Ziel, Mehrfachkäufer Status und Vorteile statt Produktanleitungen. Voraussetzung ist, dass die Kaufanzahl im Profil stimmt und jedes Profil immer nur in der Strecke läuft, die zu seiner Stufe passt.

Die meisten Shops, die ich übernehme, haben einen Post-Purchase-Flow. Danke-Mail, Anwendungstipps, irgendwann eine Bewertungsbitte. Der Flow läuft, er bringt Umsatz, alles gut.

Und dann schaut man nach, wer da eigentlich durchläuft - und findet einen Kunden, der zum siebten Mal bestellt hat und gerade eine Mail bekommt, die ihm erklärt, wie das Produkt funktioniert.

Das ist nicht nur überflüssig. Es ist das Gegenteil von dem, was diese Mail erreichen soll. Wer siebenmal gekauft hat, kennt das Produkt besser als die Mail. Ihn wie einen Fremden anzusprechen, entwertet genau die Beziehung, die man aufbauen wollte.

Warum eine Strecke für alle nicht funktioniert

Der Post-Purchase-Flow in seiner Grundform ist für Erstkäufer gebaut, und das ist richtig so: Der Erstkauf ist der Moment mit der größten Unsicherheit. Passt das Produkt? War der Shop seriös? Kommt die Ware an?

Nur hat ein Zweitkäufer diese Fragen nicht mehr. Und ein Mehrfachkäufer schon gar nicht. Sie haben andere - und die bleiben unbeantwortet, wenn alle dieselbe Strecke bekommen.

Die Leitfrage, an der sich jede einzelne Mail messen lassen muss, lautet deshalb: Was unterscheidet den Erstkäufer vom Zweitkäufer, und den Zweit- vom Drittkäufer? Wer darauf für eine Mail keine Antwort hat, braucht diese Mail nicht.

Drei Strecken statt einer

Wir trennen nach Kaufanzahl in drei Strecken. Ein Profil läuft immer nur in der, die zu seiner Stufe passt.

Erstkäufer. Ziel ist nicht der Umsatz dieser Mail, sondern der zweite Kauf. Die erste Mail verkauft deshalb nichts: Danke, eine kurze Begrüßung durch den Gründer, und etwas mit echtem Wert - eine Anleitung, ein Guide, der Hinweis, worauf es bei der Anwendung wirklich ankommt. Erst danach kommt ein Bestseller oder ein passendes Set. Die Bewertungsbitte kommt, wenn das Produkt benutzt wurde, nicht wenn es verschickt wurde.

Zweitkäufer. Hier geht es um Anerkennung. Jemand hat sich gerade zum zweiten Mal für dich entschieden, und das ist statistisch die Schwelle, an der aus einem Käufer ein Kunde wird. Diese Strecke zeigt ihm, dass er auf dem Weg ist: „Noch ein Kauf, dann bist du VIP" - mit sichtbaren Vorteilen, die es dann gibt. Früher Zugang, exklusive Produkte, gelegentlich etwas, das andere nicht bekommen.

Mehrfachkäufer. Der Ritterschlag kommt sofort nach dem qualifizierenden Kauf, nicht drei Wochen später: Status bestätigen, Vorteile benennen, ab jetzt anders behandeln. Optional alle zehn bis vierzehn Tage ein Angebot, das nur diese Gruppe sieht - das ersetzt eine manuelle Kampagne und kostet nach dem Aufsetzen nichts mehr. Auch das Design darf sich unterscheiden; wenn Status etwas bedeuten soll, muss man ihn sehen.

Der zweite Kauf ist das schwierigste Stück

Zwischen erstem und zweitem Kauf verliert fast jeder Shop den größten Teil seiner Kunden. Die Lücke zwischen „hat einmal gekauft" und „kauft regelmäßig" ist deutlich breiter als die zwischen zweitem und drittem Kauf - wer zweimal gekauft hat, kauft mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder.

Deshalb lohnt sich der meiste Aufwand genau an dieser einen Stelle. Und deshalb funktioniert bei Zweitkäufern ein Mechanismus so gut, der bei Erstkäufern noch nichts bringt: ein sichtbares Ziel, das schon halb erreicht ist. Ein Status, zu dem noch ein Schritt fehlt, zieht stärker als ein Status, der bei null anfängt. Das ist kein Marketing-Trick, sondern schlicht die Erfahrung, dass Menschen angefangene Dinge lieber zu Ende bringen als neue anfangen.

Ich sage bewusst nicht, wie viel Prozent das bringt. Das hängt so stark vom Sortiment und vom Kaufzyklus ab, dass jede allgemeine Zahl hier eine Behauptung wäre. Was sich sagen lässt: Es ist der Hebel mit dem besten Verhältnis von Aufwand zu Wirkung, den ich in diesem Teil des Setups kenne.

Ab wann jemand VIP ist

Die Schwelle liegt nicht fest. Bei einem Shop mit niedrigem Bestellwert und kurzem Kaufzyklus - Lebensmittel, Verbrauchsgüter - ist der dritte Kauf eine sinnvolle Grenze. Bei hochpreisigen Produkten, die man ein- bis zweimal im Jahr kauft, ist schon der zweite Kauf außergewöhnlich, und die Schwelle gehört entsprechend tiefer.

Die Frage, an der man es festmacht, ist nicht „wie viele Käufe", sondern: Ab wann ist dieser Kunde so viel wert, dass eine Sonderbehandlung sich rechnet? Diese Zahl steht in den Bestelldaten des Shops, nicht in einer Faustregel.

Was stimmen muss, bevor du das baust

Drei Voraussetzungen, und die erste ist die, an der es meistens scheitert.

Die Kaufanzahl im Profil muss stimmen. Wenn Gastbestellungen unter einer anderen Adresse laufen, wenn Bestellungen aus der Zeit vor der Shop-Anbindung fehlen oder wenn Stornos mitgezählt werden, steuert die ganze Logik ins Leere - und jemand bekommt die Erstkäufer-Anleitung zum vierten Mal. Bevor irgendetwas gebaut wird, wird diese Zahl gegen die Bestelldaten des Shops geprüft.

Jedes Profil läuft nur in einer Strecke. Das klingt selbstverständlich und ist in der Praxis die häufigste Fehlkonfiguration: Ein Zweitkäufer, der noch in der Erstkäufer-Strecke steckt, bekommt beide. Dazu gehört auch, dass niemand dieselbe Strecke zweimal durchläuft.

Wer während der Strecke kauft, fällt raus. Eine Nachbestell-Erinnerung an jemanden, der gestern nachbestellt hat, ist der gleiche Fehler wie die „Letzte Chance" an einen Käufer im Sale - und derselbe Abmeldetreiber.

Der Rabatt-Reflex

Eine Sache, die regelmäßig vorgeschlagen wird: direkt nach dem Kauf noch einmal einen Rabatt, kurz gültig, weil die Wiederkaufwahrscheinlichkeit in diesem Moment am höchsten ist. Das stimmt sogar.

Es hat nur zwei Haken. Der erste ist eine Margenfrage, die jede Marke für sich beantwortet. Der zweite ist praktischer Natur und wird gern übersehen: Ohne den ausdrücklichen Hinweis, dass der Code nicht nachträglich auf die eben getätigte Bestellung anrechenbar ist, stornieren Kunden ihre Bestellung und bestellen neu. Was als Umsatzhebel gedacht war, wird dann zu Arbeit im Kundenservice.

Die Variante ohne Rabatt heißt „vervollständige dein Set" und zeigt passende Ergänzungen zum gerade gekauften Produkt. Sie funktioniert bei Sortimenten mit echtem Zubehör gut - und kostet keine Marge.

Was das mit deinen Zahlen macht

Der ehrliche Hinweis zum Schluss: Diese Trennung macht sich in der Klaviyo-Attribution schlechter, als sie ist. Die Strecken werden kürzer und zielgerichteter, es gehen weniger Mails raus, und weniger Mails bedeuten weniger zugeordneten Umsatz - obwohl der Kunde mehr kauft. Warum die Attribution das nicht abbildet, steht hier.

Die Zahl, an der man es stattdessen misst, ist der Anteil der Kunden, die ein zweites Mal kaufen, und der Umsatz, der einem Neukunden in den zwölf Monaten nach seinem Erstkauf folgt. Beides steht in den Bestelldaten des Shops und lässt sich nicht schönrechnen.

Häufige Fragen dazu

Wie erhöhe ich die Wiederkaufrate in meinem Shop?

Indem du aufhörst, allen Käufern dieselben Mails zu schicken. Der größte Hebel liegt zwischen erstem und zweitem Kauf: Erstkäufer brauchen einen Grund, wiederzukommen - Vertrauen, ein Ergebnis mit dem Produkt, einen passenden nächsten Artikel. Wer stattdessen sofort rabattiert, kauft sich den zweiten Kauf, statt ihn zu verdienen.

Brauche ich wirklich drei getrennte Flows?

Zwei sind das Minimum: Erstkäufer und alle anderen. Die dritte Stufe für Mehrfachkäufer lohnt sich, sobald genug Kunden sie erreichen - bei einem kleinen Shop mit langem Kaufzyklus kann das dauern. Wichtiger als die Anzahl der Strecken ist, dass niemand eine Mail bekommt, die offensichtlich nicht für ihn gedacht ist.

Ab welchem Kauf ist jemand VIP?

Meistens ab dem dritten, bei hochpreisigen Produkten oft schon ab dem zweiten. Die Grenze leitet sich aus dem Kaufzyklus und dem Wert eines Kunden ab, nicht aus einer Faustregel - und sie steht in den Bestelldaten deines Shops.

Zählt Klaviyo Gastbestellungen zur Kaufanzahl?

Nur, wenn sie derselben E-Mail-Adresse zugeordnet sind. Bestellt jemand einmal als Gast und einmal mit Konto unter einer anderen Adresse, sind das zwei Profile mit je einem Kauf. Das ist der häufigste Grund, warum die Kaufanzahl im Profil nicht zu den Zahlen aus dem Shop passt - und warum diese Prüfung vor dem Bau kommt.

Was, wenn jemand während der Strecke wieder bestellt?

Dann muss er aus der laufenden Strecke fallen und in die passende höhere wechseln. Ohne diesen Ausschluss bekommt ein Kunde, der gerade nachbestellt hat, die Erinnerung, nachzubestellen - der zuverlässigste Weg, eine gute Beziehung mit einer schlechten Mail zu beschädigen.

Julian Reinhard
Julian ReinhardGründer retentionclub, Klaviyo-Partner

Ich baue seit über 5 Jahren Klaviyo-Systeme für Shopify-Brands - über 25 Shops, von der ersten Welcome-Mail bis zum Black-Friday-Presale. Hier schreibe ich auf, was in der Praxis funktioniert.