Kurz gesagt

Deutsche Provider sind nicht strenger als Gmail, sie sind anders - und vor allem blind messbar. Feedback-Loops, über die Beschwerden an dein E-Mail-Werkzeug zurückgemeldet werden, gibt es praktisch nur bei Microsoft, Yahoo und Comcast; GMX, Web.de, T-Online und Freenet melden nichts zurück. Deine Spam-Rate sieht deshalb sauber aus, auch wenn sie es nicht ist. Benutz die Abmelderate als Ersatzgröße, vergleich Öffnungsraten immer zwischen vergleichbaren Domains statt gegen einen Gesamtschnitt, und behandle die vier Provider getrennt: GMX und Web.de erwarten eine bestätigte Anmeldung, T-Online ist bei der Zielgruppe tolerant und beim Verhalten nach einem Block unerbittlich, Freenet ist beim Anschreiben alter Kontakte der empfindlichste von allen.

Die meisten Beiträge über Zustellbarkeit sind Übersetzungen aus dem Englischen. Sie erklären Gmail, sie erklären Outlook, und sie behandeln den Rest der Welt als Fußnote. Für einen deutschen Shop ist das die falsche Gewichtung: Bei den Accounts, die wir betreuen, liegt regelmäßig ein Drittel bis die Hälfte der Liste bei GMX, Web.de, T-Online oder Freenet.

Diese vier verhalten sich nicht wie Gmail. Sie sind auch nicht pauschal strenger - sie bewerten andere Dinge, reagieren unterschiedlich schnell und, das ist der wichtigste Punkt, sie sagen dir nicht, wenn du ein Problem hast.

Die allgemeinen Regeln - Engagement als Währung, Volumenkonsistenz, die 0,3-Prozent-Grenze bei Beschwerden - stehen im Beitrag dazu, warum Newsletter bei Gmail im Spam landen. Hier geht es um das, was in deutschen Postfächern anders läuft.

Die Grundlage dieses Beitrags sind die Erfahrungswerte unseres Deliverability-Partners aus mehreren Jahren Arbeit an deutschen Versandprogrammen, plus das, was wir in den Accounts sehen, die wir selbst betreuen.

Der blinde Fleck: Beschwerden deutscher Empfänger siehst du nicht

Das ist die wichtigste Sache in diesem ganzen Beitrag, und sie überrascht fast jeden.

Wenn jemand bei Gmail oder Outlook auf "Spam" klickt, kann dein E-Mail-Werkzeug das erfahren - über einen sogenannten Feedback-Loop, den der Provider anbietet. Diese Rückmeldung gibt es praktisch nur bei Microsoft, Yahoo und Comcast. Über 80 % der europäischen Postfächer melden nichts zurück. GMX, Web.de, T-Online und Freenet gehören dazu.

Die Folge ist unangenehm: Deine Spam-Rate im Reporting steht bei 0,02 % und sieht großartig aus - weil die Hälfte deiner Empfänger bei Providern liegt, die Beschwerden nicht zurückmelden. Dass dort jemand auf den Spam-Knopf drückt, erfährst du nur indirekt: über fallende Öffnungsraten bei genau diesem Provider, oder irgendwann über einen Block.

Die Ersatzgröße ist die Abmelderate. Sie wird überall gleich gemessen, und sie bewegt sich in dieselbe Richtung wie die Unzufriedenheit. Wenn deine Abmelderate bei einer Kampagne nach oben geht, ist das das Signal, das du bei deutschen Providern sonst nicht bekommst. Eine Spam-Rate, die immer bei null steht, ist kein Qualitätsbeweis - sie ist ein Messfehler.

GMX und Web.de: die bestätigte Anmeldung ist hier kein Jura-Thema

GMX, Web.de und 1&1 gehören zum selben Konzern und filtern nach ähnlichen Kriterien. Sie erwarten explizit eine bestätigte Anmeldung - Double Opt-in. Verstöße gegen diese Erwartung und Treffer in Spam-Fallen sind dort Negativ-Indikatoren für deine Reputation.

Das ist bemerkenswert, weil es die Diskussion verschiebt. Über Double Opt-in wird in Deutschland fast immer rechtlich diskutiert. Hier ist es schlicht ein technisches Zustellkriterium: Wer Adressen anschreibt, die nie bestätigt haben, sammelt dort Minuspunkte, unabhängig davon, wie die Rechtslage im Einzelfall aussieht. Wir empfehlen öffentlich ohnehin ausschließlich die nachweisbare, bestätigte Anmeldung als Grundlage für Werbe-Mails; dieser Punkt ist das praktische Argument dazu. Dieser Beitrag ist kein Rechtsrat.

Zwei weitere Eigenheiten dieser beiden:

Emojis. GMX und Web.de reagieren auf mehrfache Emojis empfindlich, und bewertet wird nicht nur die Betreffzeile, sondern die Kombination aus Betreff, Vorschautext, Kopfbereich und Inhalt. Die Reduktion auf ein oder null Emojis hat in mehreren Fällen ein Zustellproblem sofort gelöst. Das ist einer der wenigen Hebel in diesem Feld, der nichts kostet und sofort wirkt.

"Postfach voll" ist nicht dasselbe wie "Adresse tot". Klaviyo klassifiziert Mailbox-Full-Rückläufer von GMX und Web.de teilweise falsch - als harten Bounce. Nach mehreren Versuchen wird die Adresse dann unterdrückt, obwohl sie lebt und der Empfänger nur sein Postfach nicht aufgeräumt hat. Bei Freenet ist das noch ausgeprägter, dazu gleich mehr.

T-Online: tolerant bei der Zielgruppe, unerbittlich beim Verhalten

T-Online wird oft als besonders schwierig beschrieben. In unserer Erfahrung stimmt das so nicht - T-Online ist bei der Zielgruppenbreite der entspannteste der vier. Engagement-Fenster von 180 Tagen laufen dort meist problemlos. Die engen Fenster von 30 oder 90 Tagen, die man überall empfohlen bekommt, sind eine Reaktion auf Gmail und Outlook, nicht auf die Telekom.

Dafür ist T-Online in einer anderen Hinsicht streng: Nach einem Block prüft der Provider, ob du dein Verhalten geändert hast - nicht nur, ob deine Mails wieder angenommen werden. Wer nach einer Sperre einfach weitermacht wie vorher und weiter alte Nicht-Öffner anschreibt, bleibt auffällig, auch wenn die Mails zwischendurch durchgehen. Wer sichtbar aufhört, alte Kontakte zu bespielen, zeigt damit etwas, das man nicht per Ticket behaupten kann.

Langsame Annahme ist kein Block. Das ist die häufigste Fehldiagnose. Wenn T-Online deine Mails über Stunden verzögert annimmt und die Testadressen zunächst alle leer bleiben, ist das in aller Regel Rate-Limiting - typisch in der Woche um Black Friday, wenn alle gleichzeitig senden. Erst wenn in den Rückläufern echte Block-Fehler stehen, ist es ein Block. Der Unterschied ist wichtig, weil die Panikreaktion - noch mal senden, Volumen erhöhen - das eigentliche Problem erst erzeugt.

Und ein Punkt, der in der Praxis wehtut: Alte, implizit angenommene Einwilligungen - Leute, die vor fünf Jahren mal bestellt haben - erzeugen überdurchschnittlich oft direkte Beschwerden bei T-Online und bei Abuse-Netzwerken. Beschwerden, die du in deinem Reporting nie siehst. Diesen Gruppen gibt man besser die Kontrolle über ihre Einstellungen zurück, als sie weiter zu bespielen.

Freenet: der empfindlichste der vier

Freenet ist der Provider, bei dem es zuerst kracht, wenn du anfängst, ältere Kontakte anzuschreiben. Deutlich empfindlicher als GMX, Web.de und T-Online. Wer sein Engagement-Fenster weit aufmacht, sieht es dort als erstes.

Freenet hat 2024 auf Nachfrage ungewöhnlich konkret benannt, was negativ bewertet wird. Fünf Punkte daraus, die jeder sofort prüfen kann:

  • Betreffzeilen komplett in Großbuchstaben
  • Währungsangaben in der Betreffzeile - was bei Rabattkommunikation praktisch jede zweite Kampagne betrifft
  • Login-Adressen oder Links zu sozialen Netzwerken in der Mail
  • Eine Nur-Text-Version, die nicht zur HTML-Version passt - unterschiedliche Links oder anderer Text in den beiden Varianten derselben Mail
  • Absenderdomain, Linkdomain und Zieladresse mit unterschiedlicher Endung - also Versand von .com mit Links auf .de, oder eine Weiterleitung von einer Endung auf die andere

Der letzte Punkt hat in einem dokumentierten Fall direkt zu einem Block geführt. Für Shops mit mehreren Märkten ist das relevant: Wer aus einem Account für mehrere Länderdomains sendet, baut sich dieses Problem ein.

Das 1-Gigabyte-Postfach. Kostenlose Freenet-Konten haben nur ein Gigabyte Speicher. "Postfach voll" ist dort kein Ausnahmefall, sondern Alltag - und vorübergehend. Die Automatik der meisten E-Mail-Werkzeuge wertet wiederholte Rückläufer trotzdem als tote Adresse und unterdrückt sie. Wir prüfen diese Gruppe deshalb gesondert, statt sie der Automatik zu überlassen; es sind in größeren Listen schnell mehrere hundert Profile, die leben und trotzdem nichts mehr bekommen.

Woran du partielle Filterung erkennst, bevor sie dir auffällt

Der klassische Fehler ist, die Gesamt-Öffnungsrate anzuschauen. Die bleibt stabil, während ein einzelner Provider wegbricht - bei einem Anteil von 15 % an der Liste fällt ein Totalausfall dort als zwei, drei Prozentpunkte im Gesamtwert auf. Das sieht aus wie ein schwacher Betreff.

Lies die Öffnungsraten immer getrennt nach Provider und vergleich sie untereinander. Nicht gegen einen Branchenwert, sondern gegen die anderen deutschen Provider: Web.de, GMX, T-Online, Freenet, Ionos, Vodafone, Strato verhalten sich bei einer gesunden Liste ähnlich. Wenn einer von ihnen deutlich absackt und die anderen stabil bleiben, ist das kein Zufall und kein Content-Problem - das ist Filterung für den weniger aktiven Teil deiner Liste.

Als grobe Orientierung, wie das Verhältnis bei einem gesunden Programm aussieht: Gmail oben, Web.de und GMX etwas darunter, Microsoft deutlich darunter. Absolute Zahlen nenne ich bewusst nicht, weil Öffnungsraten seit den Apple-Änderungen von 2021 nur noch im Vergleich etwas aussagen - der Abstand zwischen den Providern ist die Information, nicht der Wert selbst.

Zwei Dinge, die dabei täuschen: Eine Testadressen-Liste zeigt partielle Filterung oft nicht an. Wenn nur der inaktive Teil deiner Liste gefiltert wird, kommen die Testmails sauber an - und du hältst alles für in Ordnung. Und ein kleiner Versand kann problemlos durchgehen, während derselbe Absender am Tag eines großen Versands geblockt wird: Die Filter reagieren auf die Zusammensetzung des jeweiligen Versands, nicht nur auf deine Domain.

Was du tust, wenn es passiert ist

Die Postmaster-Stellen der deutschen Provider sind erreichbar und antworten - anders als bei den großen amerikanischen. Web.de dokumentiert seine Fehlermeldungen öffentlich unter postmaster.web.de, Freenet nimmt Anfragen über ein Formular unter postmaster.freenet.de entgegen. T-Online schreibt man auf Deutsch an, und das ist kein Detail, sondern beeinflusst die Antwortzeit.

In ein solches Ticket gehören: die Absenderadresse und -domain, der Rückläufer-Fehlercode im Wortlaut, Beispiel-Empfänger und der Zeitraum. Generische Antworten sind normal; mit konkreten Beispielen nachzufassen führt in aller Regel zum Ziel.

Was dabei ehrlicherweise die meiste Arbeit ist und nicht in einen Blogbeitrag passt: die Zielgruppe so zu schneiden, dass der Provider wieder Vertrauen fasst, und sie danach kontrolliert wieder zu öffnen. Das sind pro Provider unterschiedliche Schwellen, eine Reihenfolge, in der man wieder aufmacht, und Ausschlusslisten, die alle Domains eines Anbieters abdecken müssen - GMX allein hat mehrere. Diese Logik haben wir über Jahre aufgebaut und sie ist der Grund, warum wir bei dem Thema mit einem spezialisierten Partner arbeiten, statt es nebenbei mitzumachen.

Die drei Dinge, die ich sofort prüfen würde

  1. Öffnungsraten nach Provider getrennt für die letzten fünf Kampagnen. Fällt einer aus der Reihe?
  2. Abmelderate statt Spam-Rate als Frühwarnsignal benutzen - die Spam-Rate ist bei deutschen Empfängern blind.
  3. Emojis zählen. Betreff, Vorschautext und Inhalt zusammen. Mehr als einer ist bei GMX und Web.de ein unnötiges Risiko.

Häufige Fragen dazu

Warum ist meine Spam-Rate bei null, obwohl die Öffnungsraten fallen?

Weil die Spam-Rate in deinem Werkzeug nur das misst, was Provider zurückmelden - und das tun im deutschsprachigen Raum praktisch nur Microsoft und Yahoo. Beschwerden bei GMX, Web.de, T-Online und Freenet kommen nie bei dir an. Eine Spam-Rate von null bedeutet bei einer überwiegend deutschen Liste nicht, dass niemand sich beschwert, sondern dass du es nicht erfährst. Nimm die Abmelderate als Ersatz.

Muss ich für deutsche Provider ein engeres Engagement-Fenster fahren als für Gmail?

Nicht pauschal, und das ist der häufigste Denkfehler. T-Online ist bei breiten Zielgruppen tolerant, 180 Tage funktionieren dort meist. Freenet ist umgekehrt schon bei 90 bis 120 Tagen empfindlich. Die engen 30- und 90-Tage-Fenster, die überall empfohlen werden, sind eine Antwort auf Gmail und Outlook. Ein einheitliches Fenster für alle Provider ist deshalb immer entweder zu eng oder zu weit - sinnvoll ist eine Abstufung je Provider.

Was bedeutet es, wenn T-Online meine Mails nur sehr langsam annimmt?

In aller Regel Rate-Limiting, keine Sperre. Der Provider nimmt dein Volumen entgegen, aber verlangsamt - besonders in Hochphasen wie der Woche um Black Friday. Erkennbar daran, dass in den Rückläufern keine Block-Fehler stehen und die Testadressen über Stunden nachliefern. Nicht nachsenden und nicht das Volumen erhöhen; beides verschlimmert es.

Ist "Postfach voll" ein Grund, eine Adresse zu löschen?

Nein, und bei Freenet schon gar nicht - kostenlose Konten dort haben nur ein Gigabyte Speicher, volle Postfächer sind Alltag. Das Problem ist, dass die Automatik vieler E-Mail-Werkzeuge solche Adressen nach mehreren Versuchen als dauerhaft unzustellbar einstuft und unterdrückt. Diese Gruppe gehört gesondert geprüft und nach erneutem Kontakt wieder freigegeben, statt sie der Automatik zu überlassen.

Hilft eine Testadressen-Liste, um Probleme bei deutschen Providern zu erkennen?

Nur begrenzt. Testadressen zeigen, ob eine Mail grundsätzlich ankommt - sie zeigen nicht, ob der inaktive Teil deiner Liste gefiltert wird. Genau das ist aber der übliche Fall: Der aktive Teil kommt durch, der ältere nicht. Wer sich auf Testadressen verlässt, sieht ein Problem erst, wenn es groß genug ist, um alle zu treffen. Der Vergleich der Öffnungsraten zwischen Providern ist das verlässlichere Frühwarnsignal.

Julian Reinhard
Julian ReinhardGründer retentionclub, Klaviyo-Partner

Ich baue seit über 5 Jahren Klaviyo-Systeme für Shopify-Brands - über 25 Shops, von der ersten Welcome-Mail bis zum Black-Friday-Presale. Hier schreibe ich auf, was in der Praxis funktioniert.