Kurz gesagt

Inaktive Abonnenten nicht löschen, sondern in drei Schritten behandeln: aus regulären Kampagnen ausschließen (Standard: 90 Tage ohne Öffnung), stufenweise reaktivieren - maximal 5 bis 15 % des Tagesvolumens, harter Cutoff bei 730 Tagen - und wer dann nicht reagiert, wird über einen Sunset-Flow verabschiedet und aus dem Versand genommen. So bleibt die Zustellbarkeit für die Engagierten erhalten.

Eine Zahl, die fast jeden Shop-Betreiber überrascht, wenn ich sie ihm aus seinem eigenen Klaviyo-Account zeige: Von einer typischen Liste mit 40.000 Kontakten haben 25.000 bis 28.000 in den letzten sechs Monaten keine einzige Mail geöffnet. Das sind nicht „ein paar Karteileichen". Das ist die Mehrheit.

Und die Frage, die dann kommt, ist immer dieselbe: „Sollen wir die löschen?"

Meine Antwort: Nein. Aber ihr dürft ihnen auch nicht mehr dieselben Mails schicken wie allen anderen. Dazwischen liegt der Teil, der in den meisten Accounts fehlt.

Warum Inaktive nicht harmlos sind

Wer eine Mail nicht öffnet, kauft nichts - das ist der offensichtliche Schaden, und er ist der kleinere. Der größere: Gmail, Microsoft, GMX und Web.de bewerten deine Domain nach dem Verhalten aller Empfänger. Jede Mail, die ungelesen gelöscht wird oder monatelang liegen bleibt, ist ein negatives Signal - nicht nur für diesen einen Kontakt, sondern für deine Reputation insgesamt.

Das heißt: Die 28.000 Inaktiven kosten dich die Zustellung bei den 12.000, die öffnen, klicken und kaufen. Ich habe Shops gesehen, deren Öffnungsrate bei Gmail auf unter 10 % gefallen war - nicht wegen schlechter Mails, sondern weil sie seit zwei Jahren die komplette Liste bespielt haben. Nach dem Umbau des Empfängerkreises lag sie vier Wochen später wieder über 30 %.

Inaktive sind also kein Aufräumthema. Sie sind ein Zustellbarkeitsthema - warum Provider so bewerten, steht hier.

Schritt 1: Ausschließen - sofort, ohne Diskussion

Das Erste ist immer dasselbe und dauert eine Stunde: Inaktive kommen aus den regulären Kampagnen raus. Unser Standard ist ein Engagement-Fenster von 90 Tagen im Master-Segment - wer in dieser Zeit nichts geöffnet oder geklickt hat, bekommt den normalen Newsletter nicht mehr. Neue Abonnenten bleiben natürlich drin, die hatten noch keine Chance.

Das fühlt sich für viele wie ein Verlust an: „Wir senden nur noch an ein Drittel?" Ja. Und der Umsatz pro Kampagne sinkt dadurch in der Regel nicht - weil die zwei Drittel, die rausfallen, ohnehin nicht gekauft haben. Was steigt, ist die Zustellung bei denen, die kaufen.

Was die meisten dabei übersehen: Provider sind unterschiedlich empfindlich. Bei Gmail kann ein breiter Versand noch funktionieren, während Web.de und GMX denselben Versand längst in den Spam-Ordner sortieren. Deshalb reicht ein einheitliches Fenster für alle nur als Einstieg. Wer es richtig macht, steuert den Ausschluss je Provider mit unterschiedlichen Fenstern - schärfer, wo der Provider reagiert, lockerer, wo er es nicht tut. Das ist der Teil, an dem die meisten Setups aufhören und an dem die Reichweite entsteht.

Schritt 2: Reaktivieren - aber nur als Beimischung

Ausgeschlossen heißt nicht aufgegeben. Ein Teil der Inaktiven lässt sich zurückholen - aber die Art, wie das die meisten machen, ist genau die, die Provider bestrafen: eine große „Wir vermissen dich"-Kampagne an alle 28.000 auf einmal. Das ist ein Volumen-Spike an die Leute mit der schlechtesten Reaktion. Das Ergebnis ist vorhersehbar: Die Kampagne landet im Spam und zieht die Reputation für alle mit runter.

Drei Regeln, die den Unterschied machen:

Reaktivierung ist immer eine Beimischung. Maximal 5 bis 15 % des Tagesvolumens dürfen aus Reaktivierung bestehen - und erst, nachdem am selben Tag die normalen Kampagnen an Engagierte gelaufen sind. Die guten Signale kommen zuerst, die riskanten obendrauf.

Nicht alle Inaktiven sind gleich. Jemand, der vor 100 Tagen zuletzt geöffnet hat und dreimal gekauft hat, ist eine andere Person als jemand, der sich vor zwei Jahren für einen Rabattcode eingetragen hat und nie etwas bestellt hat. Wir sortieren Inaktive nach Kaufhistorie und Inaktivitätsdauer in Stufen und reaktivieren stufenweise - die wertvollsten zuerst, mit wenig Volumen, und nur, wenn die vorherige Stufe sauber reagiert hat.

Der harte Cutoff liegt bei 730 Tagen. Wer seit zwei Jahren nichts geöffnet hat, wird nicht mehr per E-Mail reaktiviert. Punkt. Die Adresse ist möglicherweise tot, in eine Spam-Falle umgewandelt oder gehört jemandem, der die Marke vergessen hat. Jeder Versand an diese Gruppe ist Risiko ohne Gegenwert. Wer diese Kontakte noch erreichen will, macht das über Ads-Zielgruppen - nicht über den Posteingang.

Schritt 3: Verabschieden - mit System, nicht mit dem Löschknopf

Wer nach Ausschluss und Reaktivierung immer noch nicht reagiert, wird verabschiedet. Das übernimmt bei uns ein eigener Flow - der Sunset-Flow, der siebte der Standard-Flows: drei Mails ohne Rabatt, mit einer echten letzten Chance zum Bleiben - und wer danach nichts geöffnet hat, wird aus dem Versand genommen.

Warum nicht einfach löschen? Aus drei Gründen. Erstens verlierst du die Kaufhistorie und damit die Möglichkeit, den Kontakt später über andere Kanäle anzusprechen. Zweitens kommt ein Teil zurück - wer die „Das könnte unsere letzte Mail sein"-Mail öffnet, ist wieder engagiert und bleibt. Drittens ist „aus dem Versand nehmen" reversibel, Löschen nicht.

Und ein Fehler, der beim Verabschieden fast überall passiert: Das Segment „inaktiv" erwischt Profile, die nie eine Mail bekommen haben - alte Importe, Käufer ohne Einwilligung, Kontakte aus einer Shop-Migration. Die werden dann verabschiedet, bevor sie je begrüßt wurden. Ein inaktiver Kontakt ist einer, der Mails bekommen und nicht reagiert hat. Wer keine bekommen hat, ist nicht inaktiv, sondern unberührt.

Die Reihenfolge ist der Punkt

Fast jeder Shop macht einen der drei Schritte. Fast keiner macht alle drei in dieser Reihenfolge:

  1. Ausschließen - sofort, schützt die Zustellung ab morgen.
  2. Reaktivieren - in Stufen, als Beimischung, mit Cutoff.
  3. Verabschieden - automatisiert, reversibel, ohne die Unberührten mitzunehmen.

Wer nur ausschließt, verschenkt die Kontakte, die zurückgekommen wären. Wer nur reaktiviert, verbrennt die Reputation. Wer nur löscht, wirft Kaufhistorie weg. Und wer nichts davon tut, sendet weiter an 40.000 und wundert sich über 21 % Öffnungsrate.

Wie groß der inaktive Anteil in deinem Account ist, welcher Provider bereits filtert und ob die Reaktivierung sich überhaupt lohnt, sieht man in einer Stunde in den Zahlen. Das ist eine der ersten Fragen in jeder Potenzialanalyse - und meistens die mit dem schnellsten Effekt. Wie viel Umsatz dahinter steckt, schätzt der ROI-Rechner anhand deiner Listengröße.

Julian Reinhard
Julian ReinhardGründer retentionclub, Klaviyo-Partner

Ich baue seit über 5 Jahren Klaviyo-Systeme für Shopify-Brands - über 25 Shops, von der ersten Welcome-Mail bis zum Black-Friday-Presale. Hier schreibe ich auf, was in der Praxis funktioniert.